Franz (Friedrich) Kaiser

Kaiser wurde 1888 in Düren geboren. Er wuchs mit mehreren Geschwistern in einer kleinbürgerlichen, liebevollen Familie auf. Er starb 1971 in Hamburg.

 

Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitet er ab 1908 auf dem Bau in Köln

und Cochem. Von 1910–1912 leistete er seinen Militärdienst. Danach erhielt er eine Anstellung als Archiktekt bei Otto Walter in Berlin und bildete sich in Abendkursen an der Berliner Kunstgewerbeschule bei Prof. Tiersch u. Franz Seeckt weiter. Im 1.Weltkrieg

wurde er 1915 bei Chalons verwundet. Er erhielt die  Auszeichnung EK II. Nach seiner Genesung war er bis 1917 wieder in Berlin bei den Architekten Bruno Paul und Peter Behrens angestellt. In dieser Zeit  arbeitete er an  Villenprojekten in Berlin, Villa Pawel, Villa Wohlgemuth, 1915-1917 Landhaus Dr. Pawel und als künstlerischer und technischer Bauleiter des Stadtpalais Paul v. Mendelssohn-Bartholdy. Bis Juni 1920 lehrte er als Dozent für Innenarchitektur in Darkehmen / Ostpreußen und an der Königlichen Kunstgewerbeschule Königsberg. Ab 1920 machte er sich als Maler, Bildhauer, Innenarchitekt und Kunstgewerbler selbständig. Er hatte Verbindung zu den Kreisen um Raoul Hausmann, George Grosz u. Werner Scholz und begeisterte sich für Dada. Er heiratete eine Zahnärztin, sie bekamen einen Sohn, Peter. 1923 trennte sich seine Frau von ihm.

Anfang der 1920er Jahre schloss sich Kaiser dem Inflationsheiligen Ludwig Christian Haeusser an und vagabundierte drei Jahre als Wanderprediger durch Deutschland. Zeitweilig arbeitete er bei Thyssen in Hamborn untertage. 1924/25 bewarb er sich als „Universalgenie“ bei den Reichstags- und Reichspräsidentenwahlen, beendete aber 1925  seine anarchische Existenz. 1926 übersiedelte er nach Hamburg,  wo er mit seiner Lebensgefährtin, der Haeusser-Anhängerin Therese Böckmann auf einen alten Dachboden im Gängeviertel, Kornträgergang 60, zusammenzog. 1929 gründete er dort eine „Schule für radikale Lebens-Reform“. Sein Ziel war, jungen Menschen beizubringen, „wie man mit Wenigem glücklich ist“. Aus Abfallmaterial entstanden Möbel und Kunst. Die Schüler lernten weben, malen, zeichnen, schnitzen. 1929 hatte er eine erfolgreiche Ausstellung „Hausrat aus Unrat“. Der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, Max Sauerlandt, zeigte Interesse an seinen Arbeiten, die Hamburger Kunsthalle erwarb 1932 das Bild „Die Afrikanerin“. Es wurde 1937  als „entartete Kunst“ aus der Kunsthalle entfernt.

Ab 1933  wurde Kaiser als Boheme von der SA und später von der Gestapo verfolgt. Nach zwei Haussuchungen der SA wurde 1935 sein Wohnhaus abgerissen. Seine Möbel stellte man auf die Straße, wo viele Geräte und Kunstwerke verloren gingen. Er zog dann in einen Mansardenraum, Kanalstr. 2 in Hamburg Uhlenhorst. Nachdem er 1941 erneut eine Haussuchung der Gestapo wegen eines Rundschreibens an Freunde erlebte, vernommen und geprügelt wurde, floh er nach Wien, wo er in einem Flugzeugkonstruktionsbüro tätig war. Nach erneuter Flucht wurde er in Dachau in der Bauinspektion der Waffen-SS zwangseingesetzt und landete schließlich in der Nervenheilanstalt Witzenhausen a. d. Werra. Danach wurde er von Hamburg aus nach Moorfleth zwangsvermittelt.

Nach dem befreienden Kriegsende lebte er sehr ärmlich als Hausmeister und Künstler.  Hannelore und Helmut Schmidt engagierten sich in den 1950er Jahren als Förderer und Sammler. Kaiser  starb 1972,  ein Jahr nach Therese Böckmann. Der Arzt Dr. Jürgen Winzer, der Kaiser bereits als Student kennen und schätzen gelernt und bis zu seinem Tod   betreut hatte, übernahm das künstlerische Erbe.

Kaisers  Kunstarbeit zeigt Bemühen um Eigenständigkeit. Er gestaltete monumental expressive  Skulpturen, teils bemalt, die an Dämonen und Götter vergangener Kulturen erinnerten, malte Wandbilder und zahlreiche Gemälde und Papierarbeiten, die zunächst Orientierung an den Vorbildern van Gogh, Picasso, Chagall, Miró aufwiesen, sich später, in den 1950er und 1960er Jahren der Malerei des magischen Realismus anschlossen. Seine ornamentalen Arbeiten ähnelten in ihrer Primitivität der Südseekunst. Er experimentierte fortlaufend, fertigte „abwaschbare“, mit Gips versetzte Bilder, eignete sich kunsthand-werkliche Techniken mühelos an, konstruierte einen primitiven Webstuhl, auf dem er ohne

Entwurf Bettvorleger, Wandbehänge u. a. webte.  Aus Fundstücken von Straßen und Höfen fertigte er Objets trouvés à la Schwitters. In einer zum Keramikofen umfunktionierten Teertonne brannte er Gebrauchskeramik, Kleinplastik und sonderbare Kunstgegenstände. Unbelehrbar in Kunstansichten, zog er gegen abstrakt arbeitende Künstler

wie Kandinsky und Arp engagiert zu Felde.

Um 1960 stattete er in Uhlenhorst: eine Kneipe mit größeren Holzfiguren aus.

Kaiser war auch schriftstellerisch tätig: in den Jahren 1919 bis 1929 veröffentlichte er „Die goldene Ziehharmonika“, „Himmel und Erde“, „Das Diadem“. Seine Zeitungen „Kaiser“,

„Stark-Kaiser“, „Kaiser-Setecki“ erschienen unregelmäßig. Zum Tod seiner Lebensgefährtin schrieb er 1970 den Text „Therese“. Zeit seines Lebens führte er einen umfangreichen und intensiven Schriftwechsel mit Freunden, Anhängern und Gegnern.

Einzel-Ausstellungen:

1923/24 Berlin Linienstr. 213.

1929, Hamburg Kornträgergang 60: „Hausrat aus Unrat – Bemalter Dreck“.

1947 Kampen / Sylt.

1956 Hamburg, Bauzentrum.

1958 Meldorf Domcafé (Juli), Atelier Herta Sperling (November).

1969 Hamburg Haus der Offenen Tür, Domstraße.

1972 Gedächtnisausstellung, Hamburg Haus der Offenen Tür.

Beteiligungen:

1961 Kampen / Sylt: Int. Kunstausst.

1964 Kleiner Salon, Hildesheim.

Literatur:

Bruhns, Maike: Kunst in der Krise, Hamburg 2001, Bd. 1, 2: Künstlerlexikon Hamburg 1933-1945.

Heydorn, Volker Detlef: Maler in Hamburg, 1974.

Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der Zwanziger Jahre, Berlin 1983, S. 205 ff.

Lippick,Thomas: Kaiser ohne Thron – Leben und Werk des Künstlers und Inflationsheiligen Franz Kaiser. Dipl.arbeit Fachhochschule Ottersberg 1989, überarbeitet 2018.

Der Neue Rump-Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs, 2. Aufl.2013, S.224f

Wikipedia.

Archiv der Deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein: Umfangreiche Archivalien von Ulrich Linse.

Maike Bruhns